
Jenseits von Hören und Sehen
Da vergeht einem Hören und Sehen. So sagt man, wenn es um Überforderung, Ohnmacht, Hilflosigkeit geht. Detlef Stettin aus Neustrelitz in Mecklenburg kennt diese Gefühle. Er kam gehörlos zur Welt und hat später auch seinen Sehsinn fast vollständig verloren. Nun ist er taubblind.
Aber nicht im Alltag fühlt er sich hilflos, nicht in seiner Wohnung, beim Essenkochen, beim Spaziergang oder bei der Arbeit. Das Alleinsein ist es, dem er sich ausgeliefert fühlt. Detlef Stettin ist ein geselliger Typ, er lacht gern, liebt Wanderurlaube in den Alpen und ist geistig vollkommen klar. Aber seine Erblindung raubte ihm nicht nur das Sehen, sondern auch viele soziale Kontakte. Kommunikation wurde immer schwieriger, manchmal unmöglich. Denn eine richtige Unterhaltung mit ihm setzt Kenntnisse in taktiler Gebärdensprache oder dem sogenannten Lorm-Alphabet voraus, das in die Handinnenfläche getippt wird.
Zu seiner Tochter hat er kaum Kontakt, von seiner Frau lebt er getrennt. Eine Zeit lang war da noch seine hochbetagte Mutter, die er an Wochenenden besuchte. Als sie 2019 starb, waren alle nahen Familienangehörigen im Grunde aus seinem Leben verschwunden. Detlef Stettin ist einsam. Einsamer, als es sich sehende und hörende Menschen vorstellen können. Aber sich zu verkriechen – das ist seine Sache nicht.
Zwischen 2018 und 2020 habe ich Detlef Stettin im Rahmen eines freien Fotoprojekts immer wieder mit der Kamera begleitet. Ich wollte erforschen, wie ein Mensch lebt, wenn ihm gleich zwei Sinne fehlen, um mit der Welt in Kontakt zu treten. Eines habe ich dabei gelernt: Der Tastsinn und ein gutes Gedächtnis können vieles auffangen und zumindest ein selbständiges Leben ermöglichen.


































