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Großformatfotografie

Bis zum letzten Bild

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Das Zeitalter der analogen Fotografie, sagen manche, war endgültig vorbei, als das Schweizer Werk des traditionsreichen Film- und Fotopapierherstellers Ilford insolvent ging. Für den Berliner Künstler Roland Wirtz war die Werksschließung auch eine persönliche Tragödie. Denn Ilford produzierte nicht nur hochwertige Kleinbild-Farbfilme, sondern auch das Positivpapier für seine einzigartigen Großformatkameras, mit denen seine denkmalähnlichen Unikate entstehen. Was ihm bleibt: seine letzten Papiervorräten zu nutzen, um ein Requiem für Ilford zu erschaffen – und für die Unmittelbarkeit der fotografischen Abbildung.

Berliner Zeitung, 29.04.2014

Roland Wirtz schwitzt. Er läuft unermüdlich hin und her, er schleppt Leitern, Holzbalken, Kisten voller Werkzeug und Tücher, viele schwarze Tücher. Die Frühlingssonne wärmt ihn zusätzlich an diesem Vormittag. Das Wichtigste liegt noch auf der Ladefläche seines Transporters, ist aber für ihn allein zu schwer. Es ist sein Fotoapparat, in Einzelteile zerlegt. Allein der hölzerne Kasten mit der Foto-Kassette hat die Dimensionen einer extra-großen Badewanne und wiegt etwa achtzig Kilo. Eine Großformatkamera von enormen Ausmaßen.

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Roland Wirtz ist groß, hat kurze weiße Haare und auffallend helle blaugraue Augen. Sie leuchten, wie immer, wenn er gut gelaunt ist. Der
54-Jährige bereitet gerade ein Foto vor. Das ist jedes Mal ein kleines Abenteuer bei ihm, und es hebt seine Stimmung.

Dabei ist der Anlass, der den Berliner Künstler hierher führte, auf das Werksgelände der Firma Ilford nahe der Schweizer Stadt Fribourg, wenig erfreulich. Eine Tragödie, um es in seinen Worten zu sagen. Wirtz war oft hier in den vergangenen zehn Jahren, nun wird es das letzte Mal sein.

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Seit Kurzem ist das Werk geschlossen. Das Unternehmen ging Ende 2013 in die Insolvenz. Ilford galt in der Ära der analogen Fotografie als Inbegriff für hochwertige Fotopapiere und Filme, jahrzehntelang. Auch Galeristen und Museen setzten auf das Material. Während ein zweites Werk in England – seit Jahren von dem Schweizer Firmenteil geschäftlich getrennt – weiter Schwarz-Weiß-Filme und anderes Zubehör produziert, hat hier in Fribourg der Farbfotografie-Zweig sein Ende gefunden. Viele in der Kunst- und Fotografenszene sind davon betroffen – aber nur ganz wenige so stark wie Roland Wirtz.

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Der Künstler arbeitet mit Ilfochrome, einem Farbfotoverfahren, das von Fotografen bis heute als einzigartiger Prozess zur Herstellung hochwertiger Vergrößerungen von Dias und Digitalfotos geschätzt wird. Ilfochrome galt als Flaggschiff von Ilford, als das lichtechteste Farbfotoverfahren überhaupt. Das dazugehörige Fotopapier hat die besondere Eigenschaft, ein Positivmaterial zu sein. So kann das spätere Bild direkt aus ihm heraus entwickelt werden.

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Genau das ist für Roland Wirtz so essenziell. Mit seinen selbst konstruierten Großformatkameras erstellt er Farbbilder in direkter Belichtung, ohne Negativ oder sonstiges Zwischenmedium. So wie in den Anfangsjahren der Fotografie im 19. Jahrhundert, als das Negativ-Positiv-Verfahren noch nicht erfunden war, ist das Ergebnis immer ein Unikat. Ein riesiges zudem: Sein Standardformat entspricht der Größe seiner Kamera, 220 mal 127 Zentimeter. Das dafür notwendige Positivpapier stellte nur Ilford her.

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Betroffen von der Pleite ist auch Susanna Kraus mit ihrer Imago 1:1, der größten Kamera der Welt, die am Berliner Moritzplatz steht. „Das ist einer der größten Verluste für die Fotografie“, sagt sie. „Ilford war die Weltspitze.“ Ihr begehbarer Apparat, mit dem sich lebensgroße Ganzkörper-Porträts in Schwarz-Weiß schießen lassen, funktioniert auch mit direkter Belichtung, das Papier basiert auf dem gleichen Träger wie Ilfochrome. Für Kraus geht es trotzdem irgendwie weiter: Das englische Werk wird wohl die Produktion übernehmen. Die Chancen stehen gut, da das Schwarz-Weiß-Material leichter herzustellen ist.

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Roland Wirtz nützt das nichts. Sein Vorrat reicht vielleicht noch für drei Dutzend Bilder, dann ist Schluss. Nun ist er in die Schweiz gereist, um der Marke, die seine Kunst ermöglicht hat, ein fotografisches Denkmal zu setzen. Wirtz macht Bilder vom Ilford-Werk. Mit seiner Großformatkamera. Ein Requiem auf Ilfochrome-Papier.

Die Verfahren, mit denen Susanna Kraus und Roland Wirtz arbeiten, sind sehr speziell, ihre aufwendige Technik ist kein typischer Querschnitt der Foto-Welt. Sie gehören zu einer kleinen Gruppe – einer Gruppe allerdings, für deren Ansprüche die Fotoindustrie Filme, Chemikalien und Papiere höchster Güte entwickelte. Ihnen ist deshalb manche Innovation zu verdanken.

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Seit Digitalkameras den Siegeszug über die analoge Fotografie angetreten haben, sind mangels Nachfrage immer mehr Filme und Fotopapiere vom Markt verschwunden. Nicht selten gab es Hamsterkäufe, sobald Kodak, Fuji und Co. das Ende eines Produkts ankündigten. In Deutschland sank der Absatz von Fotofilmen zwischen 2000 und 2012 von 191 auf etwa 11,3 Millionen Stück, was einem Rückgang von 94 Prozent entspricht.

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Mittlerweile habe sich die Nachfrage stabilisiert, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau, sagt Mirko Böddecker, Geschäftsführer von Fotoimpex, einem Spezialgeschäft für Fotozubehör in Berlin-Mitte. Neuauflagen wie die der Polaroid-Filme 2010 zeigen, dass Analog nicht tot ist. Vor zwei Jahren wagte es auch Böddecker, im brandenburgischen Bad Saarow Schwarz-Weiß-Filme, Papiere und Chemikalien in kleinen Mengen selbst zu produzieren, unter dem alten Markennamen Adox. „Das haben wir aus der Not heraus gemacht“, sagt er. Denn viele Zulieferer seien insolvent gegangen – und das, obwohl die Nachfrage nach Filmen sogar wieder steige. Für viele aber sind die kleinen Produktionsmengen nicht rentabel.

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Unter den Berufsfotografen finden sich nur noch wenige, die mit Film arbeiten. Bei der Berliner Fotografenagentur Ostkreuz gebe es dennoch einige Kollegen, die noch mit dem 6×7-Mittelformat arbeiteten, sagt Ute Mahler, die zusammen mit ihrem Mann Werner Mahler zu den Gründern der Agentur gehört. „Analog wird aber eher bei freien Arbeiten fotografiert, bei Aufträgen macht es meist keinen Sinn, weil es zu aufwendig und teuer geworden ist“, sagt sie. Ihr Mann, der auch Leiter der Ostkreuzschule für Fotografie ist, sieht beim Nachwuchs jedoch auch einen Trend zur alten Technik. „Etwa 70 Prozent unserer Abschlussarbeiten werden analog produziert“, sagt Werner Mahler. Fast alle Schüler hätten digitale und analoge Ausrüstungen. „Es scheint, als gebe es eine Zwischen-Renaissance des Analogen angesichts dieser irren Bilderflut heute.“

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Dieses Jahr wird die Fotografie 175 Jahre alt. Sie unterlag im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen, aber selten waren sie so radikal wie in den vergangenen Jahren. Einer Samsung-Studie zufolge werden allein in Deutschland drei Milliarden Fotos geschossen – und zwar jeden Monat. Die Frage nach der Relevanz eines Fotos stellt sich mehr denn je. Gerade wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Digitaltechnik scheint der Reiz des Analogen noch nicht verloren gegangen zu sein. „Man fotografiert weniger und bewusster“, sagt Ute Mahler. Das Motiv werde vorher konzentrierter geplant, das nehme Schnelligkeit heraus. Zudem gelte die Regel: „Je größer das Format, desto mehr entschleunigt man.“

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